Über Klimastreiks und Naturverbindung

Meine Muskeln sind etwas strapaziert, meine Stimmbänder ebenso nach dem gestrigen Tag, aber die Laune trotz einiger Startschwierigkeiten hervorragend. Wir haben es geschafft, mit den Kindern 25km Rad zu fahren, den Bus zum Startpunkt zu erreichen und knapp 2 Stunden durch die Stadt zu laufen, Streikschilder hochzuhalten und aus voller Kehle Protestlieder zu singen. Eine beachtliche Leistung, waren wir doch vorher alle mehr als müde und keiner wollte eine Stunde in eine Richtung radeln. Gestern war in Klagenfurt eine Samstags-Aktion der Fridays for future zum Thema „Save the trees“, bei der wir vom Hauptbahnhof durch die Stadt über normalerweise viel befahrene Straßen zum Stadion gezogen sind, in dem ja gerade noch For Forest zu sehen ist, ein Wald mitten in der Arena.
Mit der Volksschule waren die Kinder ja schon streiken gewesen in unserem Dorf, wo sie zum örtlichen Adeg gezogen waren mit selbstgemalten Streikschildern. Diesmal halt mit uns und sehr viel lauter. Allerdings sahen wir den doch eher kleinen Haufen zunächst nicht, als wir aus dem Bus am Bahnhof ausstiegen. Somit zählte echt jeder, der mitmachte. Während des Zuges kamen mancherorts noch Leute dazu, immer wieder auch mit Kindern und Fahrrädern. Die Stimmung war jedenfalls sehr gut, es wurde laut gesungen. Nach anfänglichem Zögern sangen wir auch mit und hielten abwechselnd unser geliehenes Schild in die Höhe. Die Organisation war echt klasse, die Executive sehr freundlich und genug junge Leute, die am Straßenrand den Müll aufsammelten beim Vorübergehen – die Straßen waren definitiv sauberer als vorher!


Es sind bewegende Zeiten, in denen wir da leben! Es ist so warm, dass man tagsüber noch mit kurzen Ärmeln herumlaufen kann, während es frühs im Nebel schon Handschuhe braucht. Seit gefühlten Wochen gab es keinen nennenswerten Regen. Täglich erreichen uns neue Schauer-Nachrichten, wie schnell wir wohl aussterben werden. Der Alltag geht trotzdem weiter, als wäre nichts. Der Druck steigt. Die Regierungen tun – nichts. Wir gehen weiter zur Arbeit, zur Schule, prüfen den Kontostand, gehen einkaufen. Viele von uns versuchen so nachhaltig wie möglich zu leben. Aber wann wird sich im großen Stil etwas ändern? Erst, wenn es wirklich zu spät ist?


Gibt es dann Wald nur noch im Museum oder wie im Kärntner Fall im Stadion? Wo wir ihn aus der Ferne bewundern können, wie schön er nicht aussieht? Ohne die Rinde zu fühlen, das Moos unter unseren nackten Füßen zu spüren, die würzige Luft zu riechen und den Insekten und Vögeln zu lauschen, die es auch jetzt schon vielerorts nicht mehr gibt? Wir haben da einen echt genialen Planeten mit all den Wundern, der Vielfalt, der uns alles schenkt, was wir wirklich brauchen. Und was machen wir Menschen damit???? Ich verstehe es nicht.


Was also tun? Nicht jeder von uns kann alles umsetzen, was an Zero-Waste, vegan, Konsumverzicht, Autofrei leben etc. so zu tun sein könnte, ohne ins Burnout zu geraten. Wir leben alle im gleichen System, manche sicher mehr als andere. Wir dürfen andere nicht dafür verurteilen, dass sie fliegen, SUV fahren oder Fleisch essen. Jeder kann einen Beitrag leisten, ganz klar. Und es wird sich einiges ändern, das sieht wohl nicht nur Greta so.
Mittlerweile gibt es einige Bewegungen, denen man sich anschließen kann. Seien es die Fridays for future, die immer wieder dazu aufrufen, dass wirklich jeder kommen soll. Letzte Woche war die Rebellion Week der Extinction Rebellion, die weltweit mehrere Städte teilweise besetzte und lahmlegte. Sie wollen mit gewaltfreiem zivilem Ungehorsam Druck auf die Regierungen ausüben, die Wahrheit anzuerkennen und wirklich Maßnahmen zu ergreifen.
Ein Teil der Bewegung, der mir besonders gefällt, ist die regenerative Kultur. Sie achten aufeinander, es gibt Erholungspausen, friedlichen und freundlichen Umgang miteinander, mit Passanten und der Polizei. Eine Kultur zu leben, die uns eben nicht ausbrennt, die sich immer wieder erneuert und zyklisch denkt.
Ich für meinen Teil schaue einfach, was es für Bewegungen bei uns in der Nähe gibt – über die Homepages, die Facebook-Seiten und auch Instagram sind Ortsgruppen zu finden und meistens gibt es auch Überschneidungen, wo man die Leute dann in mehreren Gruppen wiedertrifft und gemeinsam auf Streiks gehen kann, sich zu Mittagstischen oder in Cafés trifft und bei Critical Mass durch die Stadt radelt. Da gibt es sicher auch in deinem Ort etwas!
Apropos Ort: zum weltweiten Klimastreik-Tag am 20. September hatten die Fridays Österreich eingeladen, dass möglichst jeder Ort mit einer Ortstafelaktion dabei sein soll. Da mein Ort noch nicht eingetragen war, tat ich das kurzerhand, auch wenn ich alleine davor stand… Nicht jeder von uns ist extrovertiert und führt eine ganze Versammlung an! Dafür fuhr ich anschließend zur Uni, wo von der Initiative für Nachhaltigkeit eine Aktion gemacht wurde, bei dir wir dann gemeinsam mit dem Zug weiter nach Villach zur großen Demo fuhren. Es war sehr berührend mit all den Menschen gemeinsam Hand in Hand zu singen, nachdem wir durch die Stadt gezogen waren. Insgesamt hatten 783 Orte in Österreich mitgemacht!


An diesem Tag schlossen auch etliche Geschäfte, symbolisch oder in Echt, um für mehr Klimagerechtigkeit zu kämpfen und ebenfalls auf die Straßen zu gehen. Auch von den Workers for Future oder Entrepreneuers for Future konnte man sich eintragen auf den Webseiten, um zu zeigen, dass es immer mehr werden! Als ich Filzgöttin eintrug, waren 10min später schon mindestens 20 Unternehmen dazu gekommen und auf Insta konnte man unter #entrepreneurs4future viele auf der Straße sehen. Auch den FilzGöttinnen bastelte ich kleine Schilder und machte ein Fotoshooting mit ihnen auf der Straße vor unserem Haus.


Wenn ich gerade so zurückblicke, war ganz schön viel los in letzter Zeit bei mir. Neben Arbeit, Kindern und Haushalt war ich streiken, bei diversen Gruppentreffen der bisher genannten Organisationen. Am YogaDanceFestival durfte ich Workshops halten, das zyklische in uns und der Natur ehren mit wundervollen Frauen in einem wunderschönen Roten Zelt direkt am Fluss. Auch das gehört für mich zur Nachhaltigkeit dazu.

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Denn um was geht es letztendlich wirklich in der ganzen Klimadiskussion? Nicht darum, wieviel Grad Erwärmung wann und wie (das können wir nicht wissen, dafür ist das ganze zu komplex, auch wenn es genug Berechnungen gibt) und wieviel CO2 wir wo einsparen. Nein, es geht um viel mehr – unsere Beziehung zur Natur. Als was sehen wir sie? Als etwas, das wir nutzen, ausbeuten? Oder als etwas, dessen Teil wir sind? Zerstören wir wirklich das, was uns am Leben erhält, das wir eigentlich lieben? Unser Weltbild ist so separatistisch, gespalten, abgetrennt von der uns jederzeit und überall umgebenden Natur. Ja, wir brauchen eine andere Klimapolitik, aber wir brauchen auch wieder einen verbindenden Zugang zur Natur! Ansätze von Philosophen wie Charles Eisenstein finde ich da ganz gut! Um unsere globale Verbundenheit wieder wahrzunehmen, gibt es zb auch von der Meditations-App 7mind eine passende Meditation. Sie pflanzen gerade für jede Meditation einen Baum, die durchgeführt wird.
Was würde sich ändern, wenn wir uns wieder als Teil der Natur sehen? Wenn wir all die Gefühle wahrnehmen, die da sind. Wenn wir die Natur mit allen Sinnen erfassen und uns darin als Teil von ihr erleben. Für mich ist es meine Wildfrauenzeit, die mir hilft, das zu spüren. Mich ab und an mit Schlamm zu bemalen, im Laub zu wälzen, unter den Sternen zu tanzen. Und dieses Gefühl der Verbundenheit mitzunehmen in die Arbeit und Alltagswege. Auch das Naturmentoring ist für mich so eine Art, das zu leben.


Mich zu engagieren, zu protestieren, Verantwortliche einzuladen etwas zu ändern (Mails an Hersteller schreiben, Petitionen und Volksbegehren unterzeichnen und teilen) gehört ebenso dazu. Ein starkes Erlebnis für mich neulich war das Konzert von Deva Premal in Ljubljana, wo ich schon zum dritten Mal mit Freundinnen dabei war. Was mich so fasziniert dabei, ist die Einladung zum Mitsingen. Wenn dann der ganze Saal laut singt, die Sänger „raise and open your voice“ zu noch mehr Hingabe einladen und sich die Stimmen von Frauen und Männern zu einem unglaublichen Klang verweben. Ich merkte, wie gut es mir tat, die Stimme zu erheben, wirklich den Mund weit aufzumachen und so laut und hingebungsvoll zu singen. Es öffnete unglaublich viel in mir. Eben nicht mehr alles schweigend hinzunehmen, sondern meine Stimme zu erheben, sei es nun beim Konzert, bei Ungerechtigkeiten, Petitionen, beim Klimastreik. Nicht im Sinne von wütend herumschreien, sondern klar für etwas einzutreten, das mir am Herzen liegt. Mir Gleichgesinnte suchen, die mich nicht für vollkommen verrückt halten.


Heute ruhen wir uns alle aus, gestern war schon anstrengend, auch wenn es toll und wichtig war, dass wir dabei waren. Ich hoffe, dass es mehr werden, die auf die Straßen gehen, sich engagieren auch welche Art auch immer. Jeder kann viel tun, aber gemeinsam bewirken wir mehr!

Ein Kommentar zu „Über Klimastreiks und Naturverbindung

  1. Danke … wieder so toll berichtet … fühle mich, als wäre ich auch mit einem Schild durch die Straßen gezogen … und hätte leidenschaftlich inbrünstig bei Deva Premal mitgesungen. Danke fürs mitnehmen … liebe Umarmung, Dani ❤

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