Das Wandelwochenende auf der Alm

Große Veränderungen stehen an – beruflich, geographisch und wer weiß, in welche Bereiche dieser Wandel überall hineinwirken wird. Denn ändert sich ein kleiner Teil des Systems, kann sich auch das gesamte System verändern. Das Gefühl, festzustecken, darf sich auflösen genau wie das Gefühl, beruflich einfach nichts auf die Reihe zu bekommen und immer nur in prekären Einkommensverhältnissen zu leben. Ganz viel Neues, Wunderbares darf sich zeigen und ergeben im Fluss des Lebens, ich kann mich aktiv dafür einsetzen und gleichzeitig vertrauen, dass das Beste für mich geschieht.

Das klingt ja immer total schön so etwas.  Jeder Coach ist begeistert und gleichzeitig wirbeln die Gedanken nur so durch meinen Kopf, was nicht alles schief laufen könnte und sobald der erste Stein in den Weg rollt, möchte ich schon den Kopf in den Sand stecken und alles verfluchen, dass ja sowieso nichts klappen wird und schon geht die Spirale wieder nach unten. Na toll. Mittlerweile kenne ich mich ja ganz gut, ich weiß, dass ich bei vielen Dingen gleich mal in Panikmodus verfalle, nicht mehr im Vertrauen bin, alles bis zum letzten Detail durchdenke und mich in negativen Gedankennetzen verstricke, aus denen es schwer ist, auszusteigen. Ich nicht mehr sehen kann, um was es eigentlich geht und das Schöne, Aufregende kaum mehr wahrnehmen kann.

Was eignet sich da besser, den Kopf mal wieder frei zu bekommen und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als mit Nebel vor den Augen (und in Unterkärnten ist das nicht nur sprichwörtlich gemeint, die Ebenthaler wissen, wovon ich rede) als am Berg zu sein und in meinem Fall, ein Wochenende auf meiner geliebten Alm zu verbringen? Klar, da oben geht alles leichter, ich habe bis auf meine liebe Bekannte, von der ich die Hütte miete, keinen Menschen gesehen, dafür ganz viele Bäume, herbstliches Gras und Kolkraben. Aber so konnte ich mal sehen und spüren, wie sich Vorfreude anfühlt, wie sich die Dinge ändern dürfen in meiner Wahrnehmung, ich statt Angst auch prickelnde Vorfreude spüren kann.

„Meine“ Alm ist immer wieder aufs Neue ein Heimkommen, ich finde dort alles im Dunkeln, zum Glück ändert sich dort nur wenig, ich kenne dort so viele Pfade und Bäume und schöne Plätze und entdecke auch immer noch Neues, obwohl ich schon seit 10 Jahren dort bin, meistens einmal im Jahr für ein paar Tage. Dort hatte ich schon so viele berührende Momente, erkenntnisreiche Tage, feierte Geburtstage, erlebte wunderschöne Begegnungen.

Nach dem Beziehen der Hütte erkunde ich erstmal meine Lieblingsplätze, so früh im Jahr sind manche noch von Kühen besetzt, also mache ich mich auf, höher in den Wald zu steigen auf der Suche nach Sonne, schaue nach, ob alle Bäume noch stehen (nein, leider nicht alle, aber immerhin keine kompletten Kahlschläge) und wie sich alles wieder anfühlt. Das erste Mal wieder Feuer im Ofen machen und mit leckerem Essen die Aussicht auf die Berge und ins Tal genießen. Die Stille. Die Dunkelheit, die hier von Sternen gekrönt ist.

Am meisten berührt mich diesmal das herbstliche goldene Gras, es leuchtet so wunderschön in der Sonne und ich liebe es, darüber zu streicheln mit meinen Händen, mich hineinzukuscheln, es von allen Seiten zu betrachten, wenn es vom Wind gewiegt wird. Es hat so etwas Tröstliches, Lebendiges trotzdem Verblühtes, Vergängliches.

Unter den Sternen tanzend
die Erde küssend
den Himmel umarmend
die Milchstraße
zaubert ihre funkelnde Bahn
über den dunklen, stillen Wald
ergießt sich silbern
in mein weit geöffnetes Herz
still sitzend am Fenster
den Plejaden zusehend
auf ihrer Reise durch die Nacht
aufwachen im Licht des Orion
erhaben über den weiten Bergen
magisch schimmernd im nächtlichen Nebel

Während am nächsten Morgen im Tal der Nebel waberte, war hier herrlichster Sonnenschein, ich saß mit meinem Morgenkaffee gemütlich am Balkon und ließ mich wärmen, schrieb ein wenig in meinem Tagebuch, machte mir Notizen und Listen mit Dingen, auf die ich mich freue im Wandel und wie ich das Bisherige gut abschließen kann, wofür ich hier in Kärnten dankbar bin, was ich mitnehmen möchte, aber auch, was ich hierlasse und was ich einladen möchte am neuen Ort.

Nach einem weiteren Kaffee und dem Mittagessen in der Sonne am Balkon machte ich mich wieder auf in den Wald, zu meinem geliebten Herbstgras. Für Anfang Oktober war es auf über 1.000m Seehöhe schon sehr warm, andererseits war es natürlich fein, nackt im Moos und Gras sein zu können. Später lag ich auch nackt in der Hängematte, spürte die wärmende Sonne und wie der Wind über das Gras und meine Haut strich. Bis auf Eichhörnchen und diverse Vögel war niemand zu sehen oder zu hören, einfach wunderbar. Fernab von jeglichen Wanderwegen oder „Hotspots“ fühle ich mich am wohlsten, kann am leichtesten mit allen Sinnen wahrnehmen und mich ganz einlassen und verbinden mit mir und der Natur. Je länger ich an einem Platz verweile, desto mehr Tiere zeigen sich, meist sind es Meisen oder Rotkehlchen, die neugierig vorbeischauen und zwitschern, in den Ästen hüpfen. Auch all die wundervollen Kleinigkeiten liebe ich mir genau anzuschauen, wie Flechten und Moose und kleine Pilze und keimende Samen das Leben erneuern.

So verging das Wochenende mit schreiben, nachspüren, vorspüren, im Jetzt sein, Wald und Berge, lesen, essen und genießen. In mir den Wandel wachsen zu lassen, das Neue willkommen zu heißen, ihm ohne Angst entgegenzutreten, sondern es als Herausförderung zu sehen, ein neues Wirkfeld zu haben, wie es eine liebe Freundin von mir neulich so passend formulierte.

Am letzten Abend machte ich draußen mit Blick auf die Berge und die erwachenden Sterne ein kleines Feuer, in dem ich verbrannte, was ich hier lassen wollte, was mir nicht mehr diente und mit schönen Hölzern, die ich im Wald gesammelt hatte, lud ich ein, was ich mir wünschte. Ich sang Lieder fürs Feuer und den Wandel dazu.

Zuhause bekam ich nach ein paar Tagen erst mal eine ordentliche Erkältung, der Körper lud mich ein, sich zu reinigen, auszuruhen, alles zu verdauen, Termine mussten verschoben und abgesagt werden. Die Alm wirkte nach, dennoch komme ich immer wieder in den Stressmodus. Ein Lied, das mir momentan viel hilft, teilte neulich eine Freundin mit mir: „Ich nehme es an, so wie es ist, so nehm ich es an und lasse los, was ich gedacht, wie es sein sollte und wie ich es wollte.“ Sehr passend! Jetzt beim Schreiben sitze ich gerade im Zug zu meinen Eltern, morgen werde ich mir Wohnungen an meinem neuen Wirkort anschauen. Ich bin gespannt!

PS: Wie immer dauert es länger vom Schreiben des Artikels bis zur Veröffentlichung, mittlerweile habe ich eine nette WG gefunden, Mietvertrag und Arbeitsvertrag sind unterschrieben, ich organisiere und miste aus und packe ein für den neuen Lebensabschnitt, treffe noch Freundinnen und kuschele mit den Kindern. Intensive Zeiten würde ich sagen, da wir auch noch den Tod eines nahen, geliebten Verwandten betrauern…

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