Nun ist es bald wirklich wieder soweit und es ist Schwedenzeit. Vorher träume ich aber noch der Reise von letztem Jahr nach. Erst war ich auf der Insel gewesen und nun ging es mit dem Nachtzug weiter nach Örnsköldsvik. Mittlerweile war ich gut ins schwedisch sprechen reingekommen und es machte echt Spaß!
Um 5 Uhr morgens war ich da und noch gar nicht ausgeschlafen. Wie gut, dass es in Schweden tolle Infrastruktur gibt, wo du mal eben vom Bahnhof eine Viertelstunde zum nächsten See gehst, wo es einen Windschutz und Toiletten gibt, du dich auf einer Bank einfach nochmal hinlegen und schlafen kannst (na gut, eine Gelse hat ziemlich genervt…). Und eine Mini-Gaskartusche hatte ich auch noch gefunden, da meine schon fast leer war (ich verbrauche einfach viel für meine allabendliche Wärmflasche…).

Mein schwedischer Bekannter holte mich vom See ab und wir fuhren eine Stunde nach Norden in ein Naturschutzgebiet, das am Urwaldweg (Urskogsleden) liegt. Das tolle ist, das solche kleineren Gebiete eher unbekannt sind (nicht wie der wohl völlig überlaufene Kungsleden) und wir dort an zwei Tagen genau niemanden getroffen haben. Perfekt!

Im Märchenwald
wie aus der Zeit gefallen
hüfthohe Farne wedeln
Mücken summen zwischen den Gräsern
im Moor leuchtet das Wollgras
wie verzaubert fühle ich mich
angesichts dieser Schönheit
uralte Fichten und Birken
mit ehrwürdiger Kraft
der Wind singt in den Bäumen
und bringt mit der Sonne
die Bartflechten zum Leuchten

Mitten im Gebiet gab es eine Hütte zur freien Nutzung (wie mega ist das??) mit Feuerholz, Ofen, Trockentoilette, Wasser (aus dem Moor, es roch etwas muffig, aber sonst war es ok) und das Beste: Stille. Wir luden unsere Sachen erst mal ab nach der Wanderung, schauten uns um, bauten die Zelte auf im Kraut und stärkten uns. Nun aber nichts wie eine große Runde im Gebiet gedreht! Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, so bezaubernd war das hier. Andächtig wanderte ich schweigend durch den Wald, bewunderte all die uralten Bäume und lauschte einfach nur der Stille, immer wieder innehaltend. Wirklich eine ganz eigene Welt. Das es so etwas noch gibt. Manchmal kam mir das alles sehr unwirklich vor, wie das Wollgras im Wind wehte, die Bartflechten einen urtümlichen Zauber ausstrahlten. Abends regnete es zwar, als wir gerade ein Feuer machen wollten, aber wir konnten ja auch in der Hütte kochen, welch Luxus!

Am nächsten Tag fuhren wir zurück in die Stadt und ich reiste alleine weiter Richtung Högakustenleden, den ich teilweise schon gegangen war und diesmal von der anderen Seite betrat. Hier war schon etwas mehr los, viele Deutsche, aber auch Schweden. Das Wetter war mir wirklich nicht sehr wohlgesonnen, es regnete sehr oft, einen Tag auch mal ziemlich durch. Daher hielt ich mich eher an die Hütten, obwohl ich die ja sonst eher meide, aber so konnte ich draußen zelten und drinnen im Trockenen und Warmen sitzen. Denn bevor der große Regen kam, hackte ich noch ordentlich Holz. War gut gewesen, denn es wurde echt ungemütlich draußen und so konnte ich meine Sachen trocknen. Untertags hatte ich die Hütte für mich alleine, am Abend trudelten dann schon mal fünf sehr durchnässte Wanderer ein, mit denen es aber lustig zu reden war. Tat auch gut nach Tagen der Einsamkeit.

Als endlich mal die Sonne schien, sprang ich sogleich in die Ostsee. Joa, war schon sehr frisch, aber ich war drinnen und tat sehr gut. Auch meinem geliebten Balesudden stattete ich wieder einen Besuch ab. Das sind einfach die schönsten Klippen, die ich kenne, mit weitem Blick aufs Meer, glattgeschliffenen Felsen und einem kristallklaren See (da war ich natürlich auch drinnen). Und ich fand ein Smultronparadis (Walderdbeerparadies). Was man so alles entdeckt abseits der Wege. Dank GPS finde ich auch wieder zu meinem Zelt zurück, bei dem unwegsamen Gelände schon sehr praktisch. So ließ ich mein Zelt einfach stehen, nahm das nötigste mit auf Tageswanderungen und musste nicht so viel schleppen.

Lausche den Wellen des Meeres
und den Wellen deines Lebens
ein Kommen und Gehen
auf- und abebben
große und kleine Wellen
die Schönheit des Strandhafers im Wind
und die Schönheit neuer auftauchender Gedanken
lasse mich von der Sonne wärmen
sehe den Glitzerwellen am See zu
wie sie kommen und gehen
mal hier, mal da mit dem Wind
auftauchen wie Sternschnuppen
der Duft des Kiefernwaldes
so tröstlich wie eine warme Umarmung
alles atmet
alles ist miteinander verbunden

Bewunderte auch hier die wunderschönen Kiefern, umarmte sie wie Freunde, sonnte mich auf warmen Felsen und machte Wanderungen im Regen. Am letzten Tag wanderte ich Richtung Bahnhof und fand noch wunderschöne Steinformationen am Ufer der Ostsee. Am letzten Morgen wachte ich sehr früh auf (bei 3 Uhr zum Sonnenaufgang…) und der Widerstand gegen die Heimreise war gigantisch. Wieso konnte ich nicht einfach hierbleiben, wenn ich endlich mal im Wandern drin bin und das Wetter schön ist? Wieso muss ich zurück in den Alltag? Ich hatte so überhaupt keine Lust und legte mich noch mal an den Strand, um etwas weiterzuschlafen, bis der Wecker um 6Uhr klingeln würde. Ich erwachte, weil mich etwas Hartes am Kopf pikte. Als ich hochfuhr, flog eine Elster davon und keckerte im nächsten Baum vor sich hin. AU! Der Widerstand in mir wurde nicht besser dadurch, es war 5.59, Zeit für die Heimreise. Nein, ich mag nicht!!!

Ich packte trotzdem zusammen und schleppte mich zum Bahnhof, der Zug kam auch pünktlich und ich holte mir einen Kaffee und hörte Musik und heulte, weil ich einfach nicht zurück wollte. Ich möchte so gerne mal einen ganzen Sommer in Schweden bleiben können, seufz… Zwei Wochen sind soviel zu kurz… kaum bist wieder bei dir angekommen, schon musst wieder zurück… Jedenfalls hatte ich dann eines der besten Zuggespräche ever – gegenüber von mir kam ein echt süßes holländisches Pärchen dazu. Ihre erste Interrailreise mit 70 durch Skandinavien. Ich klagte ihr mein Leid und sie lauschte und ich fühlte mich so geborgen wie bei einer weisen alten Frau (sie strahlte auch etwas sehr Großmütterliches aus mit ihren weißen Haaren, dem wallenden Rock und ihren Stricksachen). In Stockholm umarmte sie mich, ehe ich hinaus in den Regen trat und missmutig nach einem Versteck in der Großstadt suchte. Auf einem Spielplatz fand ich eine kleine Höhle in einem Baum, in die ich mich verkroch und erst wieder rauskam, als es Zeit für den Nachtzug war. Die Fahrt war erst sehr lustig, nachdem zwei schwedische Frauen gut gelaunt plauderten und ich einfach das meiste verstand (normalerweise war es so ein angenehmes Hintergrundrauschen dieser für mich so wohlklingenden Sprache). Redete also ganz viel schwedisch, das machte Spaß und lenkte von der Tatsache ab, das wir nach Süden fuhren. Und ich konnte auch länger schwedisch plaudern als mir lieb war, denn am nächsten Tag standen wir dann sage und schreibe 8 Stunden vor der deutschen Grenze in Dänemark, nachdem eine Panzerluke auf einem Zug eine Oberleitung heruntergerissen hatte bei Flensburg, das muss man auch erst mal schaffen… Zum Glück waren wir in Dänemark, denn da gab es einen Supermarkt der Sonntags offen hatte, der war nach uns ziemlich leer gekauft. Bis ich in Hamburg war, war es abends und ich so erledigt, dass ich nicht mehr weiterfuhr, sondern mir ein günstiges Hotel in Bahnhofsnähe nahm. Immerhin klappte dann die Fahrt am nächsten Tag. Wenn ich das jetzt so schreibe, bin ich mal gespannt, was dieses Jahr so alles an Abenteuer auf mich wartet. Manchmal frage ich mich ja schon, warum ich mir das noch antue mit der Bahn? An sich mag ich ja das langsame Reisen, das schwedisch plaudern, ich finde auch Nachtzüge klasse und kann erstaunlich gut schlafen, wenn nicht gerade mega Schnarcher im Abteil sind. Aber die krassen Verspätungen? Naja, drückt mir gerne die Daumen, dass alles super klappt heuer, ja?
