Raunachtsgeschichten

Irgendwie ist es doch jedes Jahr wieder das Gleiche mit mir… sobald die Wintersonnenwende und die Raunächte nahen, werde ich unruhig, komisch drauf, sehne mich nach Rückzug und Stille, kann mich aber gleichzeitig auch gar nicht entspannen…
Dieses Jahr hatte ich schon das vergangene Jahr gut abgeschlossen, so dass ich keine größeren Verpflichtungen mit in die Weihnachtsferien der Kinder nehmen würde. Die Weihnachtsaufführung in der Schule war toll, am Nachmittag des 21. Dezember fuhr ich mit den Kindern ins nächste Dorf, um einen Weihnachtsbaum zu holen. Natürlich mit den Rädern und einer heißen Schokolade für alle, damit wir auch wieder bis nach Hause kommen würden dank ausreichend Zucker… Zur Wintersonnenwende machten wir abends als Familie ein Feuer im Garten, räucherten, reichten uns Kekse und würzigen Früchtetee, sangen und tauschten kleine Geschenke.


Zu Vollmond war ich bei einem schönen Frauenkreis, wo wir ums Feuer tanzten, sangen und auf die Mondin warteten, die so weit nördlich aufging und die ganze Nacht lang nur so strahlte. In der Au war es ein Traum bei der Heimfahrt – nur das Silberlicht der Mondin, die Sterne, der Fluss, der glitzernde Rauhreif überall und ich.

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Wir schmückten das Haus, die Kinder spielten und wir gingen spazieren, hatten einen wundervollen langen Familienausflug in der Au. An sich eigentlich ganz nett… nur war ich wie immer sehr geräuschempfindlich, mir kam vor, noch empfindlicher als sonst. Kann es nicht einmal einfach nur ganz still sein??? Manchmal wünschte ich echt, ich würde Lautstärke besser vertragen, seien es nun die eigenen Kinder oder Musik oder Fluglärm, Autos… Seufz…
Und dann kam der 24…. Eigentlich doch ein Datum, auf das man sich freuen kann… oder? Nun ja… in der früh wollte ich einkaufen fahren, um noch letzte Dinge zu besorgen… wäre ich mal lieber im Bett geblieben… Zuerst schmeißt es mich mit dem Radl auf der eisigen Straße… gut, dann geh ich eben zu Fuß… mir tat zwar alles weh, aber tapfer stapfte ich zum Dorfladen… Kaufte also ein, wollte bezahlen mit Karte, aber die gingen nicht… alle drei nicht… Bargeld hatte ich wie immer keines… die Schlange hinter mir wurde immer länger, je öfter ich probierte, die Karten zu verwenden… Erste Kommentare ala „wenn das so weitergeht, ist Weihnachten vorbei…“ waren zu hören… ah!!! Mir wurde heiß. Was sollte ich denn jetzt machen? Der Mann hinter mir in der Reihe bot dann an, dass er für mich bezahlen würde!!! Ich sähe vertrauenswürdig genug aus, um das Geld wieder vorbei zu bringen! Unglaublich, was? Seine Bankomatkarte ging ohne Probleme und knallroten Hauptes zog ich von dannen….
Zuhause wollte ich mir einen Kaffee kochen und riss den Stecker gleich mitsamt der Steckdose aus der Wand… ok… dann eben nicht… Am Nachmittag wollte ich noch Kekse backen, machte den Ofen an und da ging die Lampe des Ofenlichts kaputt… Meine Familie riet mir dann schon, dass ich bitte nichts mehr angreifen sollte… Ließ auch lieber weitere Geräte in Ruhe… Wollte einfach nur noch ins Bett… Da war dann auch noch mein Lieblings-Stofftier verschwunden… also nicht mal im Bett war ich mehr sicher an diesem Tag… irgendwie war es ja auch zum Lachen, aber mir war eher zum Heulen…
Die nächsten Tage wurden zum Glück besser… alle Geräte funktionierten (nun gut, die Waschmaschine musste gereinigt werden, wie war das, man soll keine Wäsche in den Raunächten waschen?), mein Plüschtier war wieder aufgetaucht, mir tat nix mehr weh und ich hatte eine wirklich nette Zeit mit meiner Familie – meine Eltern kamen aus Bayern, wir fuhren zur Schwiegermutter, die Kinder hatten Freude mit ihren neuen Spielsachen.
Und ab dem 27. hatte ich sturmfrei!!! Mein Mann konnte sich ein Auto ausleihen und fuhr mit den Kindern zu Freunden! Coole Sache! Er kennt mittlerweile meine Stimmungen rund um die Rauhnächte… ich bin ja an sich kein spaßiger Mensch, aber in dieser Zeit noch weniger… verschwinden in einer Höhle wäre vermutlich die beste Option…
Im Dorfladen bezahlte ich erst mal meine Schulden (die Bankkarten funktionierten übrigens wieder einwandfrei…). Machte die Wohnung sauber. Saß dann erst mal da und dachte mir: Hm, was jetzt? Doch zu einer Alm fahren? Zu meinen Eltern? Höhle? Hatte ein schlechtes Gewissen, ich mit meinen Luxusproblemen hier… Was wollte ich denn eigentlich??

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Ich sehne mich nach Tiefe, Verbundenheit, Zauber und Magie. Die Raunächte fühlen sich für mich immer so an wie meine Mondzeit und die Zeit davor. Rückzug, Innenschau. Oberflächliches, alkoholhaltiges Feiern passt für mich ebenso wenig wie laute Knallerei zu Silvester. Und doch macht mir ja genau das dann das Leben so schwer… Ich stresse mich selber, dass ich jetzt unbedingt Tiefe haben will, aber erzwingen kann man ja genau das nicht. Wer sagt denn, dass das jetzt so sein muss? Meistens nur der eigene Verstand…

 


Die nächsten Tage verbrachte ich also alleine… Ausschlafen, in Ruhe frühstücken, malen, Jahreskarten ziehen, räuchern, singen vorm erleuchteten Weihnachtsbaum. Jeden Tag spazieren. Hatte das dringende Bedürfnis, den Müll zu sammeln, der ja leider in der Natur herumliegt – Dosen, Flaschen, Plastik, Blumentöpfe… Am ekligsten finde ich ja Taschentücher… ich meine, was ist so schwer daran, die zu vergraben, zu verstecken, zu bedecken, gar nicht erst zu benutzen?? An drei Tagen hatte ich vier Müllsäcke voll… hätte ich mehr Säcke dabei gehabt, ich hätte gewiss auch die voll bekommen… Ist erst mal der „Müllblick“ aktiviert, sieht man ihn überall… aber alle 2 Meter mit dem Rad stehen bleiben, war mir dann doch zu viel…

 


Abgesehen vom Müll und den jetzt wieder schönen Plätzen hatte ich wundervolle Zeit draußen am Fluss und im Wald. Ging immer dorthin, wo es mich gerade hinzog, entdeckte Neues, lernte Bekanntes anders kennen, vertiefte mein Sein an Lieblingsorten… flüchtete vor Kindergeschrei, Autobahnlärm und Motorsägen. Lauschte dem Gesang des Eises am See in der Dämmerung beim alleinigen Eislaufen…

 


Machte Rituale für mich, starrte in Kerzenlicht, schaute Filme, manchmal zwei an einem Abend. Stellte den Wecker und machte wieder ihn aus, weil ich doch keine Lust hatte aufzustehen… Lag nachts wach und lauschte meinen Gedanken, hatte gute und schlechte Träume. Aß leckeres Essen. Lebte im Chaos. Räumte wieder auf. Träumte vor mich hin, schaute aus dem Fenster den Wolken zu. Bekam eine leckere wärmende Gemüsesuppe vom Nachbarn. Schrieb Wünsche auf fürs nächste Jahr.

 


Und so sitze ich nun hier, die Nudeln bald fertig fürs Mittagessen. Sitze hier mit mir, meinem Chaos, meiner ureigenen Ordnung, meinem Sein, meinem Drama, meiner Sehnsucht, meiner Dankbarkeit. Es ist OK!
Danke James, dass du mir das ermöglichst!
In diesem Sinne, euch allen ein gutes Neues Jahr!

Ein Kommentar zu „Raunachtsgeschichten

  1. Oh ja … viel los bei Dir, liebe Elaria … danke fürs Erzählen … ich hab mit gelacht und mitgelitten … so ein bisserl … und fühle auch Chaos in mir … überhaupt waren/sind heuer die Raunächte anders … un-ruhiger … oder bin ich das ? Toll, dass Du dann Auszeit bekommen hast … lieber Mann … das geht bei mir (mit dem dementen Schwiegervater) nicht so gut …. aber Auszeit-Minuten kann ich mir freischaufeln … um dann nicht zu wissen, was ich nun anfangen will … wollte sooo viel in den Raunächten machen …. und hab dann doch alles minimiert … und es war gut so. Es ist, wie es ist … und was kommen soll, kommt. In diesem Sinne auch dir ein wunder-volles 2019, herzliche Grüße ❤ ❤

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