Der Frauenkreis im Nachtzug

Da fährt frau nichtsahnend selig schlafend nach Norden. Endlich, endlich war es wieder so weit und ich auf dem alljährlichen Weg nach Schweden, die Züge waren einigermaßen pünktlich und das Bett im Nachtzug wirklich gemütlich.

Irgendwann nach Mitternacht kam in Hamburg die sehr ernüchternde Durchsage, dass wir nicht mehr weiterfahren würden – Oberleitungsschaden in Dänemark (hej, mal zur Abwechslung konnte die Deutsche Bahn nichts für die Unannehmlichkeiten…), sie würden uns ein Hotel suchen und gleich nach Berlin zurückfahren (hä, wir hatten ein fahrendes Hotel unterm Hintern, warum in aller Welt würden die uns mitten in der Nacht ein Hotel suchen??). An Schlaf war erstmal nicht zu denken. Stattdessen fragte ich die anderen, was die so machten, die bereits ausgestiegen waren und beriet mich mit meinen Abteil-Genossinnen, eine Französin und zwei Schwedinnen, mit denen ich mich zu Beginn der Fahrt echt nett unterhalten hatte.

Manche Leute gingen einfach weg, andere standen schlaftrunken und unschlüssig am Bahnsteig, manche blieben in ihren Betten und andere buchten die nächsten Flixbusse nach Kopenhagen. Ich war völlig fertig und hatte keine Ahnung was ich tun sollte… Meine Mädels und ich beschlossen irgendwie unausgesprochen, dass wir von nun an alles gemeinsam durchstehen würden. Wir buchten alle den gleichen Flixbus um 6:45 (da war es so bei 2, der eine Bus um kurz nach 2 war gleich mal ausgebucht gewesen). Wir blieben in unseren Betten, denn irgendwann kam eh die Durchsage, dass wir doch jetzt bitte alle schlafen gehen sollten (die Zugbegleiterin, in deren Haut ich nun wirklich gerade nicht stecken wollte, klang dabei wie eine Mutter, deren Kinder einfach nicht schlafen wollten und sie ständig bedrängten, wann denn nun der Zug weiter fährt und was sie nun machen sollten…). Naja, Schlaf konnte man das nun wirklich nicht nennen. Mein Herz raste, mein Puls war auf 180 und mir war vor Aufregung einfach nur schlecht… na toll… ich wollte doch einfach nur nach Schweden…

Ein wenig musste ich wohl eingedöst sein, denn das Nächste, was ich mitbekam, war eine erneute Durchsage, dass wir jetzt (es war so halb 6) aussteigen sollen, denn es fährt ein anderer Zug nach Kopenhagen. Also zusammengepackt und mit den Mädels aus dem Zug zur nächsten Kaffee-Ausgabestelle. Wir sahen alle aus, ey, ziemlich durch den Wind würde ich sagen. Und ich war soooo froh, dass ich nicht allein war!!! Später machten wir Scherze, dass wir unsere gesamte schlaftrunkene Hirnkapazität zu viert zusammengeschmissen hatten und dabei auf ungefähr 35% kamen…

Wir saßen mit sehr vielen anderen Leuten auf dem Bahnsteig, tranken auf meiner Matte Kaffee (einer fiel auch noch um…), passten gegenseitig aufs Gepäck auf, um in Ruhe aufs WC zu gehen und Wasser aufzufüllen. Sehr gesprächig waren wir nicht – bis auf mal kurz nachdem der Kaffee etwas Wirkung zeigte. Der besagte Zug kam also, war aber schnell hoffnungslos überfüllt, weil der an sich reservierungspflichtig ist in Dänemark und nun alle Nachtzug-Flüchlinge sich noch obendrauf stapelten. Weit kamen wir jedoch auch hier nicht. Denn erst hieß es, er kann durchfahren, dann er fährt nur bis Padborg und keiner weiß, wie es da weitergeht und außerdem sei der Zug auch kaputt und sie müssten erst noch etwas richten. Klingt toll!

Wir beschlossen dann, unseren Flixbus zu nehmen, der nicht weit weg losfuhr und auch sehr voll war. Klang doch erstmal gut und wir schaukelten aus Hamburg heraus und klapperten noch ein paar norddeutsche Städte ab, deren Namen ich vor lauter schlafduselig vergessen habe. In einer davon krachte es plötzlich hinter uns – wir waren in einer engen Kurve in ein parkendes Auto gekracht, dass nun eine sehr eingedrückte Tür hatte, es war zum Glück keiner drinnen gesessen.

Alle standen bedröppelt herum, konnten es nicht fassen, erst der Nachtzug und dann das. Überall hörte man es telefonieren, wurden Hotelreservierungen verschoben, Mietwagen gecancelt, Züge umgebucht. Ich würde es so nicht mehr an meinen Zielort schaffen an diesem Tag, das stand bald mal fest!!!!! Plauderte mit allen möglichen Leuten aus dem Nachtzug und den Mädels. Mit ihnen fühlte es sich immer mehr wie ein langer Frauenkreis an. Einfach weil wir zusammen waren. Das gab mir so viel Sicherheit in diesem ganzen Chaos.

Endlich konnten wir weiterfahren, nachdem die das mit der Polizei geklärt hatten dank Google Translate, denn die Busfahrer sprachen so gut wie kein Deutsch…. Wir fuhren mit dem Bus auf die Fähre nach Puttgarden, mümmelten alle sehr müde an labbrigen Pommes und hatten nicht mal Lust an Deck zu gehen und das Meer zu genießen… Schauten uns oft einfach nur verständnisvoll an. Wir schwiegen viel und manchmal plauderten wir ein wenig. Wir kamen knapp zwei Stunden später als gedacht in Kopenhagen an, wo wir erleichtert aus dem Bus fielen und uns mit einem lustigen Abschiedsfoto (das ich hier aber nicht veröffentlichen werde) und einem Knuddler von der Französin verabschiedeten, die bald ihr Ziel erreicht hatte.

Nun ging es zu dritt weiter, sie halfen mir ein Ticket für den Öresundzug zu besorgen und wir nahmen den nächsten davon Richtung Schweden. Aber wie gesagt, es war zu spät, um noch bis Hällefors zu kommen, was hieß, dass ich einen kompletten Kanutag verloren hatte. Echt traurig. Wir waren alle nur noch schräg drauf. Und eine von den Mädels bot mir dann echt an, dass ich in ihrer Wohnung in Malmö übernachten konnte!!! Wie großartig war das denn!!! Und ich war so froh, dass ich da einfach nur hinter ihnen her schlurfen konnte, bekam gar nicht richtig mit wie wir über die Öresundbrücke fuhren, ein Moment, auf den ich mich das ganze Jahr gefreut hatte und der jetzt einfach nur hundemüde an mir vorüberzog. In der Stadt besorgten wir für mich ein Busticket und es war nicht mehr weit bis zur Wohnung, die Sonne schien, es war schön warm.

In der Wohnung erstmal das Gepäck abladen und sich frisch machen. Wir saßen herum und plauderten wie alte Freundinnen über Reisen, Arbeit, Schweden. Das tat so gut, dass es uns bald allen besser ging. Die beiden überließen mir dann die echt süße Wohnung, sie würden bei Freunden übernachten, ich würde einfach nur den Schlüssel in den Briefkasten werfen müssen. Fühlte sich alles so natürlich, gleichzeitig auch völlig schräg an. Sie hatte mir noch einen Falafel-Laden empfohlen, in dem ich es sogar schaffte, auf Schwedisch etwas zu bestellen und auch das richtige bekam (hatte auf irgendeine Frage, die ich nicht verstanden hatte, mit ja geantwortet und hatte schon befürchtet, dass des jetzt ultrascharf war…). In einem Park aß ich und schaute den Leuten bei ihrem Abendprogramm zu. Die Dusche in der Wohnung tat jedenfalls sehr gut und ich ging sehr bald schlafen… So war es trotz der ganzen Umstände doch noch gut gegangen. Ich kam zwar 24h später an als geplant und musste Reservierungen für Züge umbuchen, aber ansonsten war es ein wundervoller Frauenkreis gewesen, wir hatten zusammengehalten und es hatte sich teilweise wie mit Freundinnen angefühlt. Danke dafür!!!

Am nächsten Morgen konnte ich meine Reise zum Kanuverleih Outdoor-Schweden fortsetzen und endlich auf die einsame Insel, aber das ist eine andere Geschichte…

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